Existenzielle Pädagogik

Das Elisabethstift übt und lernt seit 2006 die einheitliche Umsetzung der existenziellen Pädagogik in der ganzen Einrichtung.

Das klingt erst einmal ungewöhnlich für eine eine Organisation, die rund 250 Mitarbeitende beschäftigt. Aber die existenzielle Pädagogik ist kein Konzept, kein Rezept, und auch keine Methode, in der alle Pädagogen gleich reagieren und handeln, sondern sie fordert zu einer individuellen, wertschätzenden Haltung heraus, mit der wir Kindern und Eltern, bzw. allen Menschen begegnen. Eine Haltung drückt sich in Entscheidungen und Handlungen, in unseren Gesten, Blicken und Worten aus. Hier spiegelt sich wieder, welche Werte der einzelne vertritt. In der konkreten Begegnung leitet uns die ganz individuelle und persönliche Frage

Was braucht dieses Kind jetzt von mir?

Und die Antwort darauf ist immer unterschiedlich und immer abhängig von allen beteiligten Personen und den konkreten Umständen.

Im Folgenden erläutern wir kurz

die Geschichte / Entwicklung aus der Existenzanalyse Viktor Frankls,

die Hintergründe unserer Entscheidung,

die aktuelle Definition, die wir gemeinam im Elisabethstift entwickelt haben,

Eckpunkte der Pädagogik,

und eine existenziell-pädagogische Sicht auf fachliche Anforderungen der Jugendhilfe
 


 Unsere Pädagogik entwickelt sich immer weiter -

und wir freuen uns, wenn Sie sich mit Ihren Fragen direkt an uns wenden

und den Austausch mit uns suchen!


 

Geschichte der existenziellen Pädagogik

Die existenzielle Pädagogik entwickelte sich aus der 'Existenzanalyse' und der Logotherapie von Viktor Frankl, dem Begründer der 3. Wiener Schule der Psychoanalyse (ganz einfach gesagt: die 1. Wiener Schule ist die Lehre Siegmund Freuds, der nach dem Unbewussten fragte, die 2. Wiener Schule gründet sich auf die Lehren von Alfred Adler, der nach dem Individuum fragt und Viktor Frankl stellt in seiner Lehre die Frage nach dem Sinn in den Vordergrund.) Frankl legt seiner Lehre das jüdisch-christliche Menschenbild zugrunde. Er war selbst im KZ und hat dort die These entwickelt, dass man als Mensch immer die Wahl hat, wie man sich zum Leben verhalten möchte, auch wenn das 'Leben einem übel mitspielt'. Man kann sich entscheiden, ob man auch in der Gefangenschaft auf ein gepflegtes Aussehen Wert legt oder nicht, ob man das Brot mit dem teilt, der es anscheinend noch nötiger als man selbst hat, ob man dem Wärter höflich begegnet oder nicht, ob man die Gitterstäbe am Fenster sieht oder die Freiräume dazwischen. Die Haltung ist das Entscheidende: erwarte ich vom Leben, dass ich es gut habe und breche zusammen, wenn es sich nicht erfüllt - oder ist es nicht eher umgekehrt: erwartet das Leben von mir eine Antwort, wie ich es gestalten möchte, mit den Möglichkeiten, die ich zur Verfügung habe? Frankl stellte die These auf, dass Menschen immer das tun, was sie im Moment für sinnvoll halten, bzw. was ihnen persönlich wichtig (wertvoll) ist. In seinem Therapieansatz geht es daher darum, herauszufinden, was die Ursache dafür ist, wenn Menschen nicht auf ihre körperliche, geistige oder seelische Gesundheit achten, warum sie sich selbst nicht wertschätzen (können), und was ihnen stattdessen wichtig ist. Es geht um eine Einladung an den Menschen, seine eigenen Werte zu leben und für sich persönliche, sinnvolle Ziele zu formulieren.

Frau Prof. Dr. Eva Maria Waibel, Dozentin an einer pädagogischen Hochschule in Österreich, entwickelte Grundzüge einer existenziellen Pädagogik, in dem sie ihre beruflichen Werdegänge zusammenbrachte: ihre Erfahrungen als Grundschullehrerin, Anforderungen an eine (Schul-)Pädagogik in der Ausbildung von Lehrkräften und die Ausbildung zur Logotherapeutin als Schülerin Viktor Frankls und A. Längle. In ihrem Buch 'Erziehung zum Selbstwert' formulierte sie Eckpunkte einer existenziellen Pädagogik, die dann in ihrem fachlichen Handbuch 'Erziehung zum Sinn - vom Sinn der Erziehung' fortgeführt und vertieft wurden. Frau Dr. Waibel begleitet das Elisabethstift in der Umsetzung der Pädagogik wissenschaftlich und sucht gemeinsam mit Studierenden regelmäßig den fachlichen Austausch, der dazu beiträgt, Theorie und Praxis immer wieder zu überprüfen und gegenseitig anzupassen.

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Hintergründe im Elisabethstift

Die Folgen der gesellschaftlichen Postmoderne (wie z.B. Wertezerfall, Betonung der Individualität, Leistungsdruck und der Anspruch, das Leben müsse möglichst viel Spaß bieten), die wachsenden Qualitätsansprüche in der Jugendhilfe und nicht zuletzt die Sparmaßnahmen des Staates stellten die Pädagogen im Elisabethstift vor immer größer werdende Herausforderungen: da waren einerseits die Kinder, die bei uns lebten, bei denen die Auffälligkeiten immer massiver und der Förderbedarf immer komplexer zu sein schien - und andererseits die Tatsache, dass zusätzliches bzw. höher qualifiziertes (therapeutisches) Personal nicht mehr finanziert werden konnte und dass administrative Anforderungen an Pädagogen z.B. über Häufigkeit, Menge und Umfang von Entwicklungsberichten immens gestiegen sind. Wir erlebten immer häufiger, dass Krisen eskalierten und Pädagogen hilflos feststellten: Unsere bisherigen pädagogischen Methoden reichen nicht mehr aus, um die Kinder angemessen fördern zu können.  Die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen, war dementsprechend hoch.

In dieser Zeit entdeckte die Geschäftsführung des Elisabethstifts das o.g. Buch von Frau Dr. Waibel 'Erziehung zum Selbstwert' und nahm Kontakt zu Frau Dr. Waibel auf. Fasziniert von den Werten dieser Pädagogik, die zudem den christlichen Werten, denen wir uns in unserem Leitbild verpflichtet hatten, nicht widersprechen, wurde das gesamte Leitungsteam in die Entscheidung miteinbezogen, diese Pädagogik einheitlich im Elisabethstift umzusetzen. Zur Einführung wurde Kontakt zu einem Change-Manager aufgenommen, der diesen Prozess im Elisabethstift fachlich kompetent begleitete. Über mehrere Jahre hinweg wurde diese 'Kulturveränderung' umgesetzt: es gab ein 'Kick-Off', einen gemeinsamen offiziellen Startpunkt mit allen Mitarbeitenden, es gab Fachveranstaltungen, Fortbildungsangebote, pädagogische Austauschforen, Seminare und Workshops, aber es gab auch 'Lernen und Erleben mit allen Sinnen', gemeinsame Feiern, die Einladung zur medialen und kreativen Gestaltung und zahlreiches Material. Auch neue Kollegen wurde im Rahmen der Einarbeitung immer wieder kreativ in den Prozess einbezogen. Das Entscheidende, was wir von Mitarbeitenden erwarten, ist die Bereitschaft, sich selbst zu reflektieren und die Pädagogik zu üben und zu lernen. Wir laden ein, sich mit den eigenen Werten auseinander zu setzen und persönlich zu werden.

Die Beschäftigung mit der Pädagogik veränderte uns - und brachte viel in Bewegung. Während wir zu Beginn dachten, wir verändern die Begegnung mit den Kindern, entdecken wir schnell, dass die Pädagogik zuerst einmal großen Einfluss auf unsere Teamkultur hatte: wir wurden offener und persönlicher. Wir trauten uns, Schwächen zuzugeben und lernten, unsere persönlichen Werte zur Disposition zu stellen. Wir entwickelten eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit und der Wertschätzung. Des Weiteren veränderte die Pädagogik unsere Haltung zu den Eltern der Kinder - und dann zu unseren Kooperations-Partnern. Daran wird deutlich, dass unsere Pädagogik eben keine Methode oder ein Rezept ist, die uns bestimmte Handlungen vorschreibt, sondern eine Haltung: wenn wir unsere persönliche Haltung reflektieren und verändern, dann hat das eben nicht nur Einfluss auf den Umgang mit den Kindern, sondern dann hat es automatisch auch Einfluss auf den Umgang mit Kollegen, Partnern, sogar im privaten Bereich... es hat Einfluss auf jede Begegnung mit Menschen!

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Unsere aktuelle Definition

(gemeinsam im Qualitätszirkel des Elisabethstifts entwickelt - Stand: Oktober 2013)

Die existenzielle Pädagogik ist eine Lebens- und Erziehungshaltung, die die Person in der Auseinandersetzung mit sich und der Welt zu einer aktiven Stellungnahme, zur Übernahme von Verantwortung und zur Gestaltung von Entwicklungsräumen herausfordert. Ermutigt durch wertschätzende Annahme und unter Berücksichtigung der Potentiale können im phänomenologischen Schauen Bewegungsrichtungen, Werte und Sinnfragen zieloffen geklärt werden.

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Eckpunkte unserer Pädagogik

Das Ziel der Pädagogik ist, dass Menschen ihr Leben für sich sinnvoll gestalten und ein inneres Ja dazu haben.

Wir gehen davon aus, dass dazu 4 Grundmotivationen (Grundbedingungen) erfüllt sein müssen:

  • 1. Grundmotivation: Dasein können: Der Mensch braucht Raum, Halt und Schutz, um sich entwickeln zu können.
  • 2. Grundmotivation: Sein Leben mögen: Durch Beziehungen, Zeit und Nähe, d.h. durch die grundsätzlich wertschätzende Annahme, erleben Menschen, dass das  Leben schön und lebenswert sein kann und werden ermutigt, eigene Werte zu finden.
  • 3. Grundmotivation: So-Sein können: Jeder Mensch ist individuell und verschieden - mit eigenen Stärken und Schwächen, Werten, Entscheidungen, Bedürfnissen, Geschichte - und braucht daher auch unterschiedliche Beachtung. Hier geht es um die Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit, um Achtsamkeit mit sich selbst und um den Respekt, bzw. die Wertschätzung dem Anderssein des anderen gegenüber, also um den gesunden Selbstwert.
  • 4. Grundmotivation: Sinnvoll handeln können: Hier geht es um den Bezug zur Welt, um das Erkennen von Zusammenhängen im Leben, um das Ausprobieren von wert-vollen Tätigkeiten und um die Einladung, den jeweiligen momentanen Sinn im eigenen Handeln zu erkennen und bewusst zu gestalten.

So öffnen wir Kindern Entwicklungsräume, damit sie sich in ihrer jeweiligen Grundmotivation weiter entwickeln können, d.h. wir bieten ihnen unsere Beziehung an, laden zur Auseinandersetzung mit sich und der Welt ein und begleiten sie in dem Prozess. Im Folgenden nennen wir eine Auswahl von Grundsätzen, die uns in unserem Handeln leiten. Die Liste ist nicht vollständig und wird im Rahmen unseres QM immer wieder modifiziert und mit Inhalt gefüllt.

  • Unsere Haltung spiegelt sich in unserem Tun - bzw. unser Tun spiegelt unsere Haltung.
  • Wir werden persönlich - d.h. wir zeigen uns als Person. In erster Linie lehren wir keine Werte, wir leben sie.
  • Wir wertschätzen die Kinder und bestärken sie in ihrem Selbstwert. Kinder entwickeln sich, wenn sie anfangen uns zu glauben, dass wir sie für wertvoll halten.
  • Wir vermeiden respektlose Äußerungen und negative Festlegungen.
  • Wir lassen Konflikte nicht laufen und klären sie direkt.
  • Wir fordern heraus, auf körperliche, seelische und soziale Gesundheit zu achten.
  • Wir überlassen den Kindern die Verantwortung für ihr Tun und für ihre Haltungen. (Wir bieten Entwicklungsräume, aber ob die Kinder sie betreten, entscheiden sie selbst. Tun sie es nicht, sind wir gefragt, ggf. unser Angebot zu verändern.)
  • Wir fragen an - nicht aus.
  • Wir bieten Wahlmöglichkeiten.
  • Wir ermutigen zur Auseinandersetzung mit Stärken und Schwächen.
  • Wir setzen Grenzen. Wir wollen dabei nicht Macht oder Recht haben, sondern bemühen uns um Verstehen und Aushandlung.
  • Persönliches Wachstum geschieht an den Grenzen, außerhalb des 'Komfortbereiches'.
  • Wir beteiligen die Kinder, soweit wie möglich, an allem, was sie betrifft.
  • Wir äußern klare Regeln, Erwartungen und Konsequenzen. Wir halten Versprechen.
  • Wir vermeiden willkürliches Handeln, werden berechenbar und sprechen uns in den Entscheidungen untereinander ab.
  • Wir vermeiden Strafen, weil sie die Beziehung zerstören, aber wir ermöglichen den Kindern, die (logischen) Konsequenzen ihres Verhaltens zu spüren. Dabei ist es wichtig, dass die Kinder die Logik der Konsequenz verstehen bzw. nachvollziehen können.
  • Wir üben Fehlerfreundlichkeit, d.h. : mache einen Fehler und feiere ein Fest!
  • Wir sehen das Potenzial des Kindes.

 

Existenziell-pädagogische Sicht auf fachliche Anforderungen der Jugendhilfe

Systemische Sichtweise

Im Elisabethstift verstehen wir die Themen, die zum Kontakt von Kindern oder Eltern mit dem Jugendamt geführt haben, nicht als Defizite von Eltern oder Kindern, sondern als Ergebnis eines komplexen Zusammenwirkens von Lebens- und Familiengeschichte, Lebensumwelt, aktueller Krisensituation und problematischen Lösungsversuchen. Wir sehen nicht den Einzelnen als Verursacher, sondern betrachten die Familie als System, wo sich Verhalten und Existenz Einzelner auf alle auswirkt und Einfluss hat. Auch wenn der Einzelne (im Regelfall das Kind) aus dem System herausgenommen wird, bleiben die Bezüge zum Familiensystem erhalten. Wir bemühen uns, den Mechanismen des Familiensystems auf die Spur zu kommen, sie gemeinsam mit den Eltern und Kindern zu reflektieren und zu bewerten und ggf. neue Mechanismen zu postulieren und einzuüben.

Bedürfnisorientierung 

Das Elisabethstift legt großen Wert darauf, seine konkreten Angebote an die individuellen Bedürfnisse der Hilfeempfänger anzupassen und fließende Übergänge zu den verschiedenen Hilfeformen zu schaffen. Dabei bemühen wir uns, unbürokratisch und schnell auf veränderte Bedarfe eingehen zu können und eine größtmögliche Beziehungskontinuität zu erhalten. 

Chancen- und Ressourcen, bzw. Potenzialorientierung / Lösungsorientierter Ansatz:

Der Aufenthalt im Elisabethstift bietet Kindern und Jugendlichen und deren Familien eine Chance, er stellt keine ‚Strafe’ dar. ‚Im Elisabethstift kann man sich entwickeln’ ist einer unserer Grundsätze. Ein anderer lautet ‚Krisen sind Chancen’.
Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch in jeder Lebensphase verschiedene Entwicklungsaufgaben bewältigen kann, um sich weiter zu entwickeln. Wir stellen weniger die ‚Warum-Frage’, sondern mehr die ‚Wozu-Frage’ und nehmen damit einen Perspektivwechsel vor. Die Frage nach den Ursachen von Problemen spielt nur insofern eine Rolle, weil es hilft, aus Fehlern zu lernen und diese in Zukunft zu vermeiden. Auf diese Weise verfolgen wir einen lösungsorientierten Ansatz.
Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch über alle notwendigen Ressourcen verfügt, um sein Leben zu bewältigen. Wir unterstützen bei der Suche nach den eigenen Stärken, spiegeln die Schwächen und bieten Möglichkeiten zum ‚Sich kennen lernen’, Ausprobieren und Entwickeln von Fähigkeiten. Wir fordern dazu heraus, die eigenen Ressourcen nicht nur für sich selbst einzusetzen, sondern auch zum Wohle aller. Das gilt auch für den Umgang mit den Eltern. Darüber hinausgehend sehen wir das Potenzial des Einzelnen, d.h. wir stärken nicht nur die schon vorhandenen Ressourcen, sondern laden ein, auszuprobieren, an Grenzen zu gehen, neue Seiten an sich zu entdecken, Möglichkeiten zur Veränderung zu nutzen und das eigene Potenzial zu entfalten.

Lebensweltorientierung

Wir behalten die Lebenswelt des Kindes / Jugendlichen im Blick. Auch wenn wir im Einzelfall einen Schutz- und Schonraum anbieten und eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen wollen, so ist es jedoch nicht unser Anliegen, die aktuelle Lebenssituation zu beschönigen und zu versuchen, die Vergangenheit ‚wieder gut zu machen’. Wir wollen ihnen helfen, eine eigene Haltung zu entwickeln und sie ermutigen, etwas Sinnvolles aus ihrem Leben zu machen. Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass den Kindern bei uns eine Welt geboten wird, die sie sich, wenn sie in der Verselbständigung leben, womöglich niemals leisten können, d.h. dass wir z.B. zur Sparsamkeit und zu einem einfachen Lebensstil herausfordern.

Einen wesentlichen Aspekt der Lebensweltorientierung ist der Kontakt zur Herkunftsfamilie sowie der Aufbau eines sozialen Netzes. Dazu gehört die Förderung von Freundschaften ebenso wie die Anregung zu sinnvoller Freizeitgestaltung.

Sozialraumorientierung

Unter Sozialraumorientierung verstehen wir zwei Schwerpunkte:
1. Erhalt des Sozialraums für Kinder und Jugendliche, die mittelfristig die Perspektive der Rückkehr in die Herkunftsfamilie haben und 
2. Erschließung des Sozialraums für Kinder und Jugendliche, die längerfristig im Elisabethstift leben – bzw. die Einbindung der jeweiligen Wohngruppen in den Kiez
Auch wenn wir grundsätzlich eine Sozialraumorientierung in diesem Sinne anstreben, sind im Einzelfall Entscheidungen möglich, ein Kind oder Jugendlichen bewusst aus dem vertrauten Sozialraum herauszunehmen, um ihm eine Auszeit zu verschaffen, Alternativen zu einem ‚problematischen Umfeld’ aufzuzeigen oder um ihn zu schützen. In der Praxis bedeutet der Erhalt des Sozialraums, dass wir für die Wohngruppen bewusst verschiedene Standorte in Berlin- und Umland wählen, dass wir die Pädagogen ermutigen, den Sozialraum aktiv kennen zu lernen, zu nutzen (z.B. durch Vereine und Freizeitangebote) und mitzugestalten (z.B. durch Beteiligung an Kiezfesten, durch Präsenz in Kiezrunden und anderen Gremien). Wir vermeiden soweit möglich Schul- oder Vereinswechsel für die Kinder und achten darauf, dass der Kontakt zur Herkunftsfamilie bzw. zu Freunden erhalten bleibt.
In Berlin- Hermsdorf, dem Standort des Hauptgeländes, engagieren wir uns im Kiez, bemühen uns um gute nachbarschaftliche Kontakte, öffnen unser Gelände regelmäßig zu Festen und ‚Tagen der Offenen Tür’ und bieten die Nutzung unserer Räumlichkeiten an. Wir legen großen Wert auf gute Kooperation mit allen Beteiligten, so z.B. mit den Therapeuten und Ärzten, die unsere Räume angemietet haben. Wir pflegen gute Kontakte zu den Firmen und Dienstleistern in der unmittelbaren Umgebung.
Die Ambulanten Hilfen haben zur Verdeutlichung der Sozialraumorientierung und der Präsenz im Kiez ihre Büro- und Anlaufstellen direkt vorort eingerichtet (im Familientreff Wittenau).

Dezentralisierung / aufsuchende Hilfe

In den letzten Jahren hat das Elisabethstift zusätzlich zu den Angeboten auf dem Hauptgelände an verschiedenen Orten in Berlin- Brandenburg einzelne weitere Standorte errichtet.
Neben der Dezentralisierung ist die ‚Zentrale’ des Elisabethstifts und ein Großteil von Wohngruppen und Angeboten weiterhin auf dem Hauptgelände in Berlin-Hermsdorf zusammengefasst. Das bietet einige Vorteile, wie z.B. die Nutzung der Rezeption, der Zentralküche, der Waschküche, die Einstellung von einer Schulpädagogin oder die Nutzung von verschiedensten Räumen und Freizeitangeboten. Die Leitung ist vorort und in Krisen schnell erreichbar. Die intensive Nähe bietet für die einzelnen Gruppen und Teams Vorteile, z.B. in der Aufsicht, im Aushelfen in Krisen, in gemeinsamen Aktivitäten.
Auch bei den verschiedenen Außenwohngruppen hat es sich bewährt, wenn ein oder zwei Partnergruppen in räumlicher Nähe angesiedelt sind, so dass die Kinder die Pädagogen der anderen Gruppe kennen lernen können und im Vertretungsfall auf bestehende Beziehungen aufgebaut werden kann. Es entstehen erfahrungsgemäß zahlreiche Synergie-Effekte, die das Zusammenleben in den Wohngruppen erleichtern (z.B. Nutzung eines gemeinsamen Autos, gemeinsame Ausflüge, kollegialer Austausch und Vertretung etc.).

Die aufsuchende Hilfe im ‚klassischen Sinn’ wird durch die Ambulanten Hilfen geleistet. Dennoch haben wir auch in unserem teilstationären und in den stationären Angeboten die Bereitschaft zu Hausbesuchen verankert.  

Bezugserziehersystem

Jedes Kind, jede Familie erhält einen Bezugserzieher, d.h. einen Ansprechpartner aus dem Pädagogenteam. Dieser ist für alle organisatorischen Belange zuständig. Für den Beziehungsaufbau sowie für die alltäglichen Aufgaben sind alle Pädagogen aus dem Team verantwortlich. Grundsätzliche Fragen, Elternberatung und –Arbeit sowie der Kontakt zum Jugendamt und zu Kooperationspartnern werden von der Bereichsleitung koordiniert und verantwortet.

Partnergruppen

Das Elisabethstift ist bemüht, den Kindern eine gewisse Beziehungskontinuität innerhalb ihrer Wohngruppe zu ermöglichen. Dennoch gibt es immer wieder Situationen, wo auf äußere Bedingungen (Krankheit, Entlassung, Praktikanten etc) reagiert werden muss. Um Kinder und Pädagogen auf solche Situationen vorzubereiten, arbeiten jeweils zwei Gruppen als ‚Partnergruppen’ intensiver zusammen, d.h. in ‚ruhigen Zeiten’ werden Kontakte und Beziehungen aufgebaut, damit in Krisensituationen eine Basis zum schnellen Reagieren vorhanden ist. Hier finden Vertretungen der Kollegen untereinander statt, hier können Kinder, die in ihren Gruppen in Konflikten eskaliert sind, vorübergehend ein ‚Time-out’ erhalten, hier können z.B. in Ferienzeiten Gruppen zusammengelegt werden.

Hilfeplanung und Erziehungsplanung

Die Arbeitsgrundlage für unser Angebot zur HzE bietet der Auftrag des Jugendamtes und der Hilfeplan. Das Elisabethstift beteiligt sich an der Erstellung von konkreten Zielen im Hilfeplan. Dabei ist es uns wichtig, die Ziele so zu formulieren, dass die Zielerreichung auch in unserer Verantwortung liegt (Beispiel: 'Das Kind geht wieder regelmäßig zur Schule' ist ein Ziel, das vom Kind verantwortet wird. Die Pädagogen können den Rahmen dafür bieten, einladen, motivieren, den Sinn des Schulbesuchs vermitteln, versuchen, die Ursachen für die Schuldistanz heraus zu finden und gemeinsam mit dem Kind zu beheben, aber trotz aller Bemühungen der Pädagogen kann es sein, dass das Kind sich entscheidet, doch nicht zur Schule zu gehen.) Die Umsetzung des Hilfeplans geschieht durch die Erziehungsplanung, die die Ziele des Hilfeplans konkretisiert. In der Umsetzung geschieht Betreuung, Anleitung, Beratung, Begleitung, Unterstützung in individuellen Formen. Der besondere Schwerpunkt liegt auf dem Beziehungsaufbau und der Beziehungspflege. Die Arbeit der Pädagogen wird auf verschiedene Weise reflektiert und evaluiert: in den Hilfeplanungen, in Teamsitzungen und Fall-Besprechungen und bei Bedarf durch Supervision.

Trennung von Beratung und Betreuung

Sofern es keine individuellen Sondervereinbarungen gibt, verfolgt das Elisabethstift eine Trennung von Beratung und Betreuung, d.h. die Pädagogen in den Gruppen übernehmen die Betreuung, die Pädagogen des Leitungsteams übernehmen die Beratung z.B. in der Elternarbeit. Dies führt zu einer Minderung des Konkurrenzdrucks und erleichtert den Eltern, Beratung anzunehmen.

Arbeit mit der Herkunftsfamilie / Rückführung:

Der Bezug zur Herkunftsfamilie, d.h. der Erhalt der Kontakte, bzw. die Ermöglichung von angemessenen Kontakten, ist aus unserer Sicht immens wichtig für eine gesunde Entwicklung des untergebrachten Kind/Jugendlichen. Wir fördern dies zum einen durch eine positive Haltung den Eltern gegenüber, so dass die Kinder nicht zwischen zwei ‚Welten’ hin und her gerissen werden, zum zweiten durch die Anregung und Begleitung in einer konstruktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und zum dritten durch eine intensive Elternarbeit, die aktivierend, beratend, trainierend, reflektierend und unterstützend in verschiedenen Formen angeboten wird. Eltern sollen soweit wie möglich (d.h. wir beachten die Grenzen des Kinderschutzauftrages sehr genau) 'Eltern bleiben' und die elterliche Verantwortung behalten. Wenn möglich streben wir die Rückführung des Kindes in den elterlichen Haushalt an und leiten alle Maßnahmen dazu kompetent ein. Wir wollen den Kindern und Familien ganzheitlich helfen, so bieten wir z.B. neben ehrenamtlichen Familienpaten (insbesondere im Rahmen der Frühen Hilfen) zahlreiche Anregungen zu sinnvoller Freizeitbeschäftigung (im Familientreff und auf der Familienfarm), wir bieten Kurse für Haushaltsführung,  Schuldnerberatung, Stärkung der Erziehungskompetenzen und auch ein spezielles Trainingsprogramm und gezielte Arbeitsmöglichkeiten im geschützten Rahmen an, um sinnvolle Tagesstrukturen leben zu können, die oftmals wichtige Voraussetzung zur Rückführung sind.

Verselbständigungskonzept

Das Elisabethstift hat ein Verselbständigungskonzept entwickelt, das aus mehreren Bausteinen besteht, die aufeinander aufbauen. Die Förderung der Selbständigkeit beginnt in den verschiedenen Wohngruppen, ist Bestandteil des Hilfeplans und wird je nach Alter und Reife der Kinder und Jugendlichen konkretisiert. Um auf die Verselbständigung vorbereitet zu werden, haben wir einzelne Schritte und die jeweiligen Voraussetzungen dafür formuliert. Die Schritte lauten: Wechsel von der Regelgruppe in die Verselbständigungsgruppe mit betreuungsfreien Zeiten – dann Wechsel in das Betreute Einzelwohnen – und von dort Wechsel in die Selbständigkeit. Die Jugendlichen werden schrittweise an die Anforderungen für ein selbst-bestimmtes, von staatlicher Hilfe unabhängiges Leben vorbereitet. Dazu gehören sowohl hauswirtschaftliche und handwerkliche Fähigkeiten, organisatorische Fähigkeiten (Umgang mit Ämtern, Ausfüllen von Formularen, Wissen, wo man bestimmte Informationen finden kann, etc.), die Unterstützung im schulischen und Ausbildungs-Bereich, der Umgang mit Geld (Budgetplanung), als auch die sozial-emotionalen Fähigkeiten wie z.B. die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, das Wissen um Stärken und Schwächen, die Entwicklung eines positiven Selbstbildnis, die Einbindung in soziale Kontakte.
Für Jugendliche aus EWGs und EST und auch für Jugendliche in Außenwohngruppen (IPG, WaB), deren soziales Umfeld keinen Wechsel in die V-Gruppe in Hermsdorf ermöglicht (z.B. Schulweg) gibt es die Möglichkeit, die Verselbständigung durch die vertrauten Bezugserzieher begleiten zu lassen.

Vernetzung

Im Elisabethstift gibt es verschiedene Möglichkeiten des internen Austauschs und der Vernetzung:
auf kollegialer Ebene: in der Teamleiterrunde, im Leitungsteam, im QM-Zirkel, im pädagogischen Forum und in gezielten Fallbesprechungen
in den Gruppen: durch Gruppenkonferenzen, durch  o.g. Partnergruppen, und durch gruppenübergreifende Angebote (Freizeit- und Schulpädagogik, Vormittagsgruppe)

Darüber hinaus fördern wir die Vernetzung
der Eltern untereinander: z.B. durch Gruppenangebote für Eltern (Kurse: starke Eltern, starke Kinder durch die ambulanten Hilfen, Kochkurs etc.), durch Eltern-Frühstück, gemeinsames Feste, u.v.m.
mit Ämtern und Kooperationspartnern: z.B. durch gemeinsame Fallbesprechungen, durch konkrete Vereinbarungen der Zusammenarbeit, durch gemeinsame Feste und Fortbildungen (Tag der Offenen Tür im Elisabethstift etc.)
der freien Träger: z.B. durch Gremienarbeit, durch konkrete Kooperationsvereinbarungen, durch fachlichen Austausch
von Spendern, Förderern und Helfern: durch die Gründung eines Fördervereins und durch gemeinsame Feste und Aktionen 

Partizipation:

Partizipation ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal in unserer Einrichtung und in der Existenziellen Pädagogik selbstverständlich. Wir fragen nicht 'Wo kann, wo darf das Kind schon mitbestimmen?', sondern umgekehrt: 'wo darf es (noch) nicht bestimmen?' (z.B. weil es mit der Entscheidung überfordert wäre). Unser Ziel ist es, Kinder und Jugendliche zu ermutigen, eigene Ziele für sich zu formulieren und bewusst eigene Entscheidungen zu treffen. So fragen wir z.B. die personale Stellungnahme an, d.h. wir fragen danach, was das Kind tun möchte und motivieren es, selbst aktiv zu werden. Wir bieten Wahlmöglichkeiten, um das zu üben - und wir führen Aushandlungsprozesse ergebnisoffen, mit dem Ziel, dass alle partner (auch die Pädagogen) das Ergebnis mittragen. Mit dieser Grundhaltung üben wir Partizipation auch im Umgang mit Mitarbeitenden, mit Eltern und Kooperationspartnern.

Kooperation und Mitwirkung geschehen auf verschiedenen Ebenen und Bereichen:

  • allgemein durch unser Beschwerdemanagement und Vorschlagswesen
  • auf Personalebene durch die Mitarbeiter-Vertretung, durch regelmäßige Mitarbeitergespräche mit Heimleitung und mit Fachvorgesetzten mit konkreter Aufforderung zum feedback, sowie durch Vollversammlungen, Mitarbeit in Gremien und Arbeitsgruppen
  • auf Kinder- und Jugendlichen-Ebene: durch Gruppenkonferenzen und persönliche Gespräche zur altersgemäßen Beteiligung an der Erziehungsplanung und Mitgestaltung des Gruppenalltags
  • im Umgang mit Eltern: in der Beteiligung an den Hilfeplänen und der Erziehungsplanung, ggf. in der Einbeziehung in alltägliche Abläufe, durch Beratungsgespräche
  • im Umgang mit Jugendamt und anderen Kooperationspartnern: im Austausch z.B. in Gremien und Arbeitsgruppen, in Gesprächen und durch konkrete Kooperationsvereinbarungen

Derzeit ist das Elisabethstift in Reinickendorf und in Friedrichshain-Kreuzberg in den Fallteams, in der AG nach § 78, sowie in den PSAG’s, in Trägerverbundstreffen und in den Kiezrunden vertreten.

Kontinuierliche Qualitätsentwicklung

Das Elisabethstift befindet sich seit mehreren Jahren im Qualitätsentwicklungsprozess.  Im QM-Zirkel, bestehend aus dem Leitungsteam und den Teamleitungen aller Wohngruppen und Aufgabenbereiche, werden die einzelnen Schlüsselprozesse, Qualitätsmerkmale und Regelungen besprochen und im QM-Handbuch festgehalten. Der QM-Zirkel trifft sich zwei mal jährlich zu einer dreitägigen Klausurtagung und nach Bedarf. Außerdem gibt es regelmäßig interne Fortbildungsangebote sowie ein teamübergreifendes Supervisionskonzept.